Gangster in Brooklyn?, fragt sicher der ein oder andere und denkt an das schöne Brooklyn Heights, Williamsburg, Redhook oder Dumbo gleich auf der anderen Seite des East Rivers. Brooklyn ist groß und einige der 90 Neighborhoods sind immer noch sehr sehr wild. Bushwick ist zum Beispiel eine Gegend, in die ich nicht alleine gehen würde. Flatbush (ist entspannter) und East New York auch nicht unbedingt.
In meiner Firma arbeitete ein 30 jähriger Designer, der auch ein “Painter” ist, also zur Freestyle Graffiti/Hip Hop Szene gehört. John ist Puerto Ricaner und in der Lower East Side geboren. Er ist Mulatte und New Yorker mit Herz und Seele.
Irgendwann im Sommer sprĂĽhen wir gerade meinen VW Bus in Brooklyn und als wir fertig sind fragt er, ob ich ihn nicht zu ein paar Freunden “um die Ecke” fahren kann.
Schon bei der Anfahrt wird es mir mulmig. Heruntergekommene Häuser mit zugenagelten Fenstern. Einige davon ausgebrannt. An den Sidewalks stehen kaputte und ausgeräumte Autowracks.
Auf den Strassen sind kaum Leute und die paar Schwarzen die wir treffen sehen mich finster an. Als “Skinny” bin ich in der Neighborhood nicht willkommen, aber beschĂĽtzt durch meinen Lower East Side Boy John. Ich kann kaum glauben, dass es noch solche Viertel in New York gibt.
Wir stoppen vor einem der Häuser und John lädt mich ein mit hinauf zu kommen. My boys are having a session. Come join us, sagt er. Bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist, aber nach einigem hin und her hat er mich überredet. Schließlich bekomme ich die Gelegenheit so schnell nicht wieder.
Auch hier, die Fenster im Erdgeschoss mit Holzlatten vernagelt. Im ersten Stock wohnen ein paar schwarze Jungs mit Ihren Latina Chicas. Ich werde nicht herzlich empfangen und mit Misstrauen betrachtet. Nur meine Tattoos sind wohl OK für die Leute, denn das ist in Gangster Kreisen üblich und ein Ausdruck der Härte. Außerdem haben Cops keine Tattoos, zumindest nicht so Große wie ich ;-)
Erst als John mich als “Painter” aus Deutschland vorstellt und wir ein bisschen im Slang chit chatten, werden die Jungs warm. Nur die Chicas dissen mich noch und sehen nur von oben auf mich herab. Im Fernsehen läuft ein Porno und zwei der Mädels sitzen vor der Glotze und reden ĂĽber tägliches Allerlei. In der KĂĽche schreit ein Baby.
Wir gehen ins Schlafzimmer. Hier steht eine Musik-Anlage vom Feinsten. Alles was der DJ und Producer zum Arbeiten braucht. Einer der Jungs ist wohl bei der Hip Hop Gruppe ONYX.
Erst als der erste “Blunt” die Runde macht und ich auch mal daran zieh und fĂĽrchterlich Huste (ich Pussy) weicht das Misstrauen gänzlich. Blunts sind leergemachte Zigarren HĂĽllen (der Marke Blunt aus Philly) mit Marijuhana FĂĽllung.
Die Jungs legen eine CD mit Beats ein und fangen an zu Freestylen. Das ist, wenn man einfach so aus der Seele rappt wie es aus einem Heraussprudelt ohne viel zu ĂĽberlegen. Rhymin’ nennt man das dann. Es geht um das Leben. Die Arbeit. Die Frauen und die Liebe. Drogen, Gangster und das Geld. Immer wieder wechselt das Mikrofon und jeder kommt mal dran. Nur ich lehne dankend ab. Ich kann das Rappen (leider) nicht, weder in Deutsch und schon gar nicht in Englisch. Muss mich nicht unbedingt blamieren und bin halt ein White Boy.
Die Crew wechselt stetig. Immer wieder kommen und gehen Leute. Ich höre zu und beobachte. Bin dankbar dabei sein zu dürfen, denn Hip Hop ist eine Subculture. Hip Hop ist nicht nur Rap. Es ist Grafitti, Poetry (Gedichte) und ein Lifestyle. Nicht unbedingt ein guter, denn er wurde in den Ghettos geboren und von dort aus in die Welt hinaus getragen. Heute findet man Hip Hop in allen Ländern der Welt, aber meistens in den Vorstädten und miesen Gegenden. So zum Beispiel in den Favelas Brazilliens, den afrikanischen Vorstädten von Paris und den Plattenbauten Mecklenburg Vorpommerns.
In den “Rhymes” geht es immer wieder um das Gleiche. Um das Leben im Ghetto. Um das Leben am Rande unserer Gesellschaft. Vom Stechen und DrĂĽcken dort unten und dem Kampf irgendwie nach oben zu kommen. Man spricht eine klare Sprache und das stört vielleicht den ein oder anderen von uns. Man spricht von Sex, Drogen, Arbeitslosigkeit, Gangs, aber auch von Zusammenhalt, Liebe und dem Traum einer besseren Zukunft.
Ein neuer Besucher kommt herein und wird eingeladen zu Reimen. Er ist jung. Vielleicht 16. Hat schon viele Tattoos und schaut Grimmig. Meine Anwesenheit scheint ihn zu stören. Er will nicht und schon gar nicht solange der “Skinny” hier ist. Ok, hab die Message verstanden und pack’s dann. Man entschuldigt sich sogar fĂĽr den :”Kleinen”, er sei halt jung und ein bisschen komisch drauf. Passt schon, ich wollte ja eh nicht ewig bleiben.
Für eine Stunde war ich akzeptiert. War kein Gast, sondern einer von ihnen und sie haben mir erlaubt an ihrem Leben teilzunehmen. Zuzuhören und zu beobachten. Aber eben nur für eine Stunde, jetzt muss ich wieder gehen, doch die Erfahrung bleibt mir mein Leben lang. Ich will kein Hip Hopper sein, der Lifestyle ist nichts für mich und ich komme nicht aus dem Ghetto. Aber jetzt verstehe ich die Musik ein bisschen besser und hör auch mal hin wenn ein Rap Song läuft. Versuche zu verstehen, um was es geht.

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