New York gehoert jetzt den Amerikanern
December 7th, 2004 by
Two-Zero
Es war nur ein Tag nach dem 11. September, als ich aus dem Fenster unseres Büros am La Guardia Place schaue und unter mir eine Lieferwagen mit Menschenauflauf finde. Was ist da los? Was macht der da?
Der Mann im Wagen verkauft Stars and Stripes vom laufenden Band. Er hat eine Rolle hinten im Lieferwagen liegen und schneidet die Flaggen einfach nur ab. Fünfzehn Dollar das Stück ruft er und irgendwoher kommen Menschen die den Dreck auch noch kaufen. Ich öffne das Fenster und schrei Stinksauer zu ihm hinunter. Was machst Du da? Verschwinde Du übler Geschäftemacher. Er versteht mich nicht. Er sei doch ein Patriot ruft er zurück. Ein feiner Patriot, sage ich. Verdienst dich dumm und dappig an der Tragödie andere Menschen. Verschwinde nur, sonst komme ich runter. Flaggen wachsen nun mal nicht auf den Bäumen ruft er zurück, packt aber seine Sachen und beschließt woanders sein Glück zu versuchen.
Vielleicht habe ich an diesem Abend ein wenig überreagiert, aber ich habe erst am Nachmittag erfahren, dass mein Freund Atsushi wahrscheinlich im Nordtower ums Leben gekommen ist und mir danach erst mal zwei Stunden lang die Seele aus dem Leib geheult. 9/11 hatte bis dahin keinen richtigen Bezug, aber von nun an war’s persönlich.
Schon in diesen Tagen und den Wochen danach war es ganz klar. Man muss Flagge zeigen, sich zum Amerikanismus bekennen, oder man war unerwünscht. Die Amerikaner hatten mit 9/11 New York zurück gewonnen. Davor war New York eine Insel in Amerika, ein multikultureller Schmelztiegel der ganz und gar nichts mit den USA zu tun hatte und auch nichts damit zu tun haben wollte. Für mich war es die Hauptstadt der Welt. Klar, die Wall Street ist hier und auch das ein oder andere Unternehmen hat hier sein Headquater, aber sogar die Amerikaner in NYC hielten sich für etwas anders. Nach dem 11. September 2001 hat sich das geändert.
Das ist um so komischer, weil ganz Amerika über New York spottete. Es hatte doch die richtigen erwischt. Die New Yorker, mit ihrem dekadenten und brausendem Lebensstil und ihrer Arroganz. Da hat Gott dann doch noch das Sodom und Gomorrah der USA gerichtet, muss der ein oder andere streng gläubige Mid-Westener gedacht haben, als er die Türme im Fernsehen fallen sah. Nun war es in Wirklichkeit eben ganz anders. Die Terroristen wollten die Amerikaner treffen und nicht die New Yorker. Nur leider stand das World Trade Center, Zeichen der Wirtschaftsmacht (oder auch das Phallus Symbol der USA) ausgerechnet in New York.
Man muss also Flagge zeigen diese Tage oder man ist nicht willkommen. Der Katastrophe folgte die Talfahrt der Wirtschaft. Na ja, die war ja vorher schon auf dem Weg nach unten, aber danach eben rasant wie ein Fahrstuhl im World Trade Center der die Besucher wieder nach unten bringt. Ausländische Arbeitskräfte sind teuer. Klar, sind die Leute besser ausgebildet und haben eine viel bessere Arbeitsmoral und Produktivität. Sie trinken eben nicht 3 Stunden am Tag Kaffe und Quatschen mit dem Cube Nachbarn oder am Telefon. Doch die Expats sind teuer und wenn man sparen muss, dann macht’s eben auch jemand aus Ohio oder Kansas der Froh ist endlich einen Job in New York bekommen zu haben.
So ist die Stadt nun voll von Amerikanern. Wer mit offenen Augen durch die Strassen läuft kann sie nicht übersehen. In Cafes und Restaurants zum Beispiel, wo man sich am Nachbartisch über die letzten Hollywood Blockbuster unterhält, anstatt über den intellektuellen Film, der gerade im Film Forum läuft. Der Beobachter wird die „Oh my God, this is fabulous“ kreischenden Weiber in den Shops treffen und sich auf Partys über das Wochenende in den Hamptons und den nächsten Trip nach Florida unterhalten, anstatt von Rom, der Toskana oder Paris zu traeumen.
Klar gibt’s noch die Koreaner mit ihren Deli’s, die Pakistanischen Taxifahrer, die Kubaner in West New York, die Chinesen Downtown, jede Menge reicher japanischer Kids in SoHo, die Ukrainer im East Village, die Puerto Ricaner in der Lower East Side, die Griechen in Queens, die Russen in Brighton Beach, die radikalen Juden aus Israel in Williamsburg und Brooklyn Heights, die Italiener und Iren in Hell’s Kitchen und ein paar verstreute Franzosen hier und da. Es hat auch ein paar Deutsche (man sieht sich zum Empfang im Goethehaus) und jede Menge anderer Kulturen, aber im täglichen Leben gehen diese Gruppen leider immer mehr unter und auch die müssen jetzt Flagge zeigen. So fährt also der Pakistani sein Taxi unter der Stars & Stripes und der Mann aus dem Jemen hat das Ding in seinem Smoke Shop auch an der Kasse kleben, gleich neben dem Sticker mit der Aufschrift „We appreciate your business!“.
New York gehört jetzt den Amerikanern und wer glaubt „Der spinnt doch der Helmbrecht“ der soll sich mal mit meinen israelischen Freunden oder mit Francois, dem seit 20 Jahren in New York lebenden Schweizer unterhalten. Denn auch die haben’s schon gemerkt und sich bei meinem letzten Besuch fürchterlich über die blöden, langweiligen Amis beschwert. Da kann man nur hoffen, dass sich das bald wieder legt und New York wieder zu der besonderen Stadt wird, die ich kennen gelernt habe. Dem Big Apple den ich liebe. Na ja, ich lebe und liebe New York immer noch, aber wenn ich die ganzen Leute aus Long Island, den Fly Over States oder TEXAS!!!! in meiner Stadt sehe, bekomme ich das Kotzen. Da hilft als Gegenmittel nur ein Glas guten Riojas in gepflegter Atmosphäre bei meinem spanischen Freund Eduardo aus Lanzarote (Bar Olivia, Houston & Ave. B).
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