Dec
04
2004
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Die gruene Visa Waiver Karte

Hm, Seattle. Da fällt mir auch eine Story ein die sogar was mit New York zu tun hat. Ich war ja gerade erst in Seattle für eine Woche, meine Freundin besuchen die dort mit dem Bolshoi aufgetreten ist. Nein, meine Story hat (fast) nichts mit Starbucks, dem Paramount Theater der Space Needle oder Fremont zu tun. Leider auch nichts mit dem schönen Grand Hyatt Hotel oder dem Lenin aus Moskau, den wir einen Tag lang gesucht haben, um ein Foto von uns mit ihm zu schießen.

Meine Story spielt sich 1999 ab. Ich sitze gerade in New York und habe wieder mal ein Cash Flow Problem. Gerade habe ich einen Freelance Job in einer Werbeagentur bekommen. Der Laden gefällt mir und die Arbeit macht Spaß. Gerade laufen meine 3 Monate ab und ich muss das Land mindestens für eine Woche verlassen, doch mein Bankkonto ist leer. Das Honorar von der Agentur kommt erst Ende des Monats. Es ist Juni und die Flüge nach Deutschland sind teuer. Der Günstigste liegt bei $600.

Auf meinem Skymiles Konto sind genügend Meilen, um innerhalb der USA zu fliegen, aber für Europa reicht’s nicht. Vielleicht die Virgin Islands? Die sind ja Englisch und nicht so weit weg und da ist gerade Regenzeit. Nein, nicht genügend Meilen, Flug zu teuer und Hotel trotz Nebensaison unbezahlbar. Also vielleicht nach Mexiko oder Kanada? Mexiko ist zu gefährlich. Da checken sie an der Grenze bestimmt ganz besonders. Also Kanada. Hm, da war doch eine Freundin meines Bruders aus Seattle, die ich auf dessen Hochzeit kennen gelernt habe… Kurzer Anruf. Alles klar, dort kann ich pennen. Flug gebucht und ab die Post nach Seattle.

Maggie, die Freundin meines Bruders ist super nett und holt mich ab. Sie wohnt in Fremont mit Irene und ich werde das Gefuehl nicht los, dass die beiden 40 jährigen Frauen ein Paar sind. Whatever! Maggie ist mehr die Sportliche und Elegante. Irene, eine pummelige Hippie Frau vom Feinsten mit einer tiefen spirituellen Ader. Überhaupt ist Seattle eine sehr spirituelle Stadt. Ich weiß nicht woran das liegt, aber wo Du hingehst siehst Du Läden mit Kram aus Tibet, Büchern über Buddhismus und und und. Auch die Leute hier sind sehr frei. Du siehst wenig Leute im Anzug, eingesperrt in Ihrem Business wie in Manhattan. Jeder redet mit jedem. Nicht wie in New York, wo Du im besten Fall mal übel angeschnauzt wirst (als Bayer mag ich das ja …).

Nach einem Tag in Fremont muss ich mich auf den Weg nach Kanada machen. Ich nehme den Greyhound Bus nach Vancouver und zwei Stunden später stehen wir an der kanadischen Grenzkontrolle. Der Beamte sieht mich an, überlegt kurz und lässt mich einreisen. Doch er nimmt die grüne Visa Waiver Karte der USA nicht aus meinem Pass (was er eigentlich machen sollte). Ich frage nach und er fragt zurück: Sie kommen doch wieder in die USA, oder? Ja, antworte ich. Na ja, dann machen das die US Kollegen bei der Einreise. Ich bitte ihn nochmals die Karte herauszunehmen. Keine Chance. I’m fuckt!

Es geht eine Stunde weiter mit dem Bus nach Vancouver. Die Schönheit der vorbeiziehenden Berge und Wälder kann ich nicht so recht genießen, denn ich bin in Big Troubles. Darüber bin ich mir bewusst. In Vancouver quartiere ich mich in eine YMCA ein. Die sind immer günstig, mitten in der Stadt und meistens nicht schlecht (wie ein ganz normales Hotel mit Einzel und Doppelzimmer). Ich bleibe zwei Tage und dann will ich mit dem Zug wieder zurück nach Seattle, bekomme aber langsam Angst. Den Rest des Tages verbringe ich im Internet Cafe, um eine Lösung zu finden. Mist. Man hat das Gesetz geändert. Ausreisen nach Kanada zählen nicht mehr als Ausreisen, um einen neuen Visa Waiver zu bekommen. Die Panik in mir steigt. Am Abend treffe ich einen Freund, den ich vom Snowboarden in Alaska kenne. Wir Skateboarden die Strassen von Vancouver hinauf und runter. Skateboarden tut mir jetzt gut. Ich falle ein paar mal auf die Schauze, aber das ist egal. Einfach mal abschalten.

Am Tag drauf liege ich am Strand, mitten in der Stadt und hole mir einen üblen Sonnenbrand. In Vancouver denke ich, muss ich mit der Sonne nicht so aufpassen, aber weit gefehlt. Ich bin übelst rot am ganzen Körper. Abends treffe ich mich wieder mit meinem Freund zum Skaten und danach zum BBQ mit dessen Freunden. Wenigsten habe ich hier schon mal Kontakte, falls ich erst mal in Kanada bleiben muss. Mir gehen Gedanken durch den Kopf. Was ist mit meinem neuen Job? Was mit meinen Sachen und meiner Wohnung? Was mit meiner Freundin? Wenn ich jetzt bei der Einreise abgelehnt werde, dann kann ich eine ganze Weile nicht mehr in die USA zurück kommen. Gerade jetzt, wo das Leben endlich mal angenehm zu werden scheint und der Kampf in New York langsam erträglich wird.

Es ist Mittwoch und ich checke für den Nachmittags Zug nach Seattle ein. Mit mulmigem Gefühl im Bauch gehe ich zur Passkontrolle. Was ist das? Die Amerikaner kontrollieren hier (in Vancouver) auch gleich für die US Einreise? Darauf war ich nicht vorbereitet. Der INS Beamte ist ein großer Schwarzer. Könnte ein Basketball Spieler sein. Sein Cube (die Box in der er sitzt) scheint ohnehin zu hoch zu sein, so dass ich gerade nur über den Rand schauen kann. Oder komme ich mir im Moment nur so klein vor? Er schaut von oben auf mich herunter und sagt: Na, was haben wir denn da? Er sieht mein Touristenvisum, welches nach 10 Jahren gerade erst dieses Jahr ungültig wurde. Er sieht zahlreiche Einreise Stempel von den 2 Jahren zuvor und er sieht meine grüne Visa Waiver Karte. Im bleibt nur ein Kopfschütteln. Haben Sie ein Flugticket zurück nach Deutschland, fragt er? Klar, das habe ich vorsorglich mal mitgenommen, doch das ist (berechnend) schon mal auf Ende September ausgestellt. Genau auf den Ablauf der nächsten 90 Tage. Ich war so naiv und dumm!!! Er schüttelt wieder den Kopf und sagt: Na, da haben Sie jetzt ein Problem! Ja, dass weiß ich schon seit 3 Tagen, denke ich und fang innerlich an zu zittern. Wieder schießen mir die Gedanken durch den Kopf. Freundin, Apartment, Job…. Ruhig bleiben Chris. Ruhig bleiben!

Ich werde in einen Nebenraum gebracht. Mein Zug fährt erst in 1 ½ Std. Genug Zeit, denke ich. Der INS Beamte holt noch zwei Kanadier. Einer der beiden kanadischen Zöllner ist Indianer. Wie aus einem Wild West Film nur mit einer für ihn viel zu kleinen Uniform. Die Männer beraten, was sie denn jetzt mit mir machen. Haben sie Geld?, fragt einer. Nö, keinen Cent. Ich erzähle meine Geschichte. Meine reiche Freundin bezahlt für mich in New York und ich bin eigentlich nur zu Besuch. Aber warum soll ich arbeiten und in Deutschland sein, wenn sie mich aushält und mich bei sich haben will. Meine (damalige) Freundin kennt die Story, für den Fall das mal jemand von der INS anruft. Sie ist ohnehin Italienerin mit schlechtem Englisch und der Beamte würde bald genervt aufgeben. Der Ami sagt, dass er mich nicht reinlassen kann. Die Kanadier sagen, dass sie mich nicht haben wollen. Ich habe ein Flugticket von NYC nach München in 3 Monaten, argumentieren die Kanadier. Man verhandelt, kommt aber zu keinem Entschluss. Der INS Beamte geht aus dem Raum. Er hat nun auch ein Problem und das bin ich.

Die Kanadier durchsuchen zum Zeitvertreib mal meine Sachen. Ich muss mich sogar bis auf die Unterhosen ausziehen und der Indianer macht sich über meine Tattoos lustig. Dann kommt die Frage: „Du bist Skateboarder?“. Ich habe ja mein Board dabei. Ja, sage ich. Snowboarder auch. Die nehmen doch alle Drogen, sagt der Indianer? Kann schon sein, antworte ich. Abermals werden alle meine Sachen genauestens unter die Lupe genommen. Und Du?, fragt der andere Zöllner. Ich? Kurz überlege ich. Was soll ich sagen? Ich entschließe mich für die Wahrheit, denn vielleicht muss ich später irgendeinen Test machen und dann bin ich ohnehin dran, denn ich habe erst gestern Abend beim BBQ einen Joint mit bestem British Columbia Grass geraucht, um mich zu beruhigen. Bin Kiffer, sage ich. Nehme sonst keine Drogen. Nie! Aber habe eigentlich auch mit dem Kiffen aufgehört. Eigentlich?, fragt der Beamte mit bösem Blick. Hin und wieder rauche ich schon noch mal einen, aber ich kaufe mir selber nichts mehr. Ich bekomme eine Menge Druck von den Beiden. Wenn ich etwas dabei hätte, dann solle ich es ihnen geben. Auch Pfeifen, Papers etc. Denn, wenn der amerikanische Zoll das findet, dann gehe ich sofort in den Knast. Die wären da nicht zimperlich, sagen sie. Sie, die Kanadier, würden mir den Kram nur abnehmen und das wäre es.

Wait a minute? Hat der gerade amerikanischer Zoll gesagt? Das bedeutet Einreise!!! Ich habe Hoffnung. Man Leute, denkt Ihr ich bin blöd, antworte ich. Ich werde ganz bestimmt nach Kanada fahren, um meinen Visum Waiver zu verlängern (das war ja offensichtlich) und dann noch einen Beutel Grass mit in die USA nehmen, oder? Das leuchtet sogar dem dümmsten kanadischen Zöllner ein. Sie geben auf und verlassen ebenfalls den Raum. Ich seh auf die Uhr und langsam wird die Zeit knapp. Noch 30 Min bis zur Abfahrt meines Zuges und das ist der letzte für heute. Ich sehe mich schon in einer kanadischen Abschiebe-Zelle übernachten.

Eine Weile später geht die Tür auf und der große INS Beamte kommt wieder rein. So, Du bist also Kiffer, sagt er mit fieser Poker Miene. Uff, hätte ich bloß nichts gesagt, denke ich. Offensichtlich haben er und die Kanadier verhandelt. Ich bin nun jedoch ziemlich selbstsicher. Jetzt habe ich eh nichts mehr zu verlieren, oder? Ja, war ich früher mal, antworte ich. Habe viel gekifft, aber beschlossen damit aufzuhören. Warum?, fragt er mich. Na ja, man wird älter. Das Zeug bremst einen nur und man bekommt nichts mehr gebacken, ist meine Antwort. Plötzlich bricht ein Grinsen durch sein Poker Face. Komisch, was ist los? Es ist einen Moment lang still im Raum. Er scheint sich das Grinsen zu verkneifen. Ist er vielleicht auch ein Kiffer?

Nenn mir einen driftigen Grund, warum Du Ende September freiwillig zurück nach München gehst und ich lass Dich einreisen, sagt er. Ich wittere meine Chance und es sprudelt aus mir, wie aus einer Mineralwasserflasche, die man schüttelt und gleich danach aufmacht. Meine Mutter lebt alleine in einem großen Haus. Da gibt es jede Menge Arbeit. Die packt sie nicht alleine. Außerdem ist sie krank, die Mutter. Ich habe auch noch ein Auto. Einen ganz tollen Peugot 306 Turbo Diesel und einen Hund den ich total gerne habe. Ich bin ein schlechter Lügner, aber er scheint’s zu kaufen. OK OK, sagt er. Pack Deine Sachen und komm’ mit, der Zug wartet schon auf Dich (wir sind 5 Minuten hinter Abfahrtszeit). Wir gehen wieder vor zu seiner Box. Er macht mir einen Stempel in den Pass und wünscht mir eine gute Reise. Zurück nach Deutschland, fügt er hinzu. Das Grinsen hat er immer noch in seinem Gesicht. Ja, Danke, und Tschüss, antworte ich abwesend. Pffffff. Gerade noch mal an der Katastrophe vorbei geschrammt, denke ich und renne los zu meinem Zug. Der Schaffner steht schon an der Tür und wartet. Na, Troublemaker, begrüßt er mich lachend.

Ich falle in meinen Sitz. Der Zug bewegt sich in Richtung Süden und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich nicht in einer Zelle gelandet bin. Was war passiert? Waren es die hartnäckigen Kanadier, die mich nicht haben wollten. Schon gar nicht so kurz vor Feierabend. Oder war es die Kiffer Story? Vielleicht war der Ami selbst mal Kiffer? Order war ich dem INS Beamten einfach sympathisch? Vielleicht sind Zöllner und Grenzpolizisten doch auch nur Menschen? Draußen zieht eine einzigartige Landschaft vorbei. Ich genieße die Aussicht und denke hin und her. Man kann diese Zugfahrt nur jedem empfehlen, wenn er die richtigen Papiere hat. Berge, Fjorde und jede Menge zu sehen. Die Gedanken können sich frei entwickeln, während die Landschaft an einem vorbei fliegt.

3 Stunden später komme ich in Seattle an. Maggie holt mich ab. Dein Zug hatte Verspätung, schimpft sie. Ja ich weiß, das war wegen mir. Du glaubst ja nicht was mir passiert ist….

An diesem Abend sitzen wir in der Küche von Irene und Maggie. Es gibt frischen Alaska Lachs. Den hat Irene’s Bruder gerade erst dort oben im Norden gefangen, in eine Eisbox gepackt und mit dem Flieger zu uns geschickt. So schmeckt richtiger Lachs, denke ich und schlürfe an meinem Wein. Irene und Maggie können meine Geschichte gar nicht glauben. Ich selbst auch nicht, aber jetzt bin ich zurück in Seattle und übermorgen geht’s wieder nach New York. Zurück zu meiner Freundin, unserem Apartment, meiner Katze Pepe, meinem Job und meinen Freunden. Bis in 3 Monaten, dann muss ich wieder los und eine Lösung finden. Diesmal mit zitternden Knien. Noch heute habe ich ein klein bisschen Nervosität bei der Einreise in die USA wenn ich vor dem INS Beamten stehe.


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Written by Two-Zero in: General, New York City |

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