Mike Alvarez und der 1. Irak Krieg
December 11th, 2004 by
Two-Zero
Ich habe einen Freund, der kommt aus Puerto Rico, heißt Mike und ist Staff Sergeant, Panzerfahrer in der US Army. Er dient bei der 2/2 Kavallerie. Das sind die, die die Pferde gegen Panzer und Hubschrauber eingetauscht haben. Die Zweite ist eine Art Eliteeinheit mit schweren M1 Abrams Panzern und leichteren Bradly Schützenpanzern. Wir kennen uns aus Bamberg vom Skateboarden. Später gehe ich zum Bundesgrenzschutz (will Hubschrauber Pilot werden) und wir machen zufällig beide Dienst in Coburg an der innerdeutschen Grenze. Dann kommt der erste Golfkrieg und Mike wird in den Irak versetzt. Während seiner Abwesenheit kümmere ich mich um seine Familie, rede oft mit seiner Frau und spiele mit den Kindern. Er hat eine Tochter, einen Sohn und während er im Irak ist, wird sein Drittes Baby Olivia geboren. Was die Familie während seiner Abwesenheit durchgemacht hat, ist eine Story für sich alleine.
Mike kommt aus einer armen Fischer Familie. Er erzählt mir, dass es in Puerto Rico kaum Arbeits- und Aufstiegschancen gibt, er deswegen beschließt zur Army zu gehen. Er ist 1989 seit 15 Jahren dabei und hat nur noch 5 Jahre bis zur Pensionierung. Daheim ist er ein Held und seine Familie ist so Stolz auf ihn. Die Army hat seine Schulbildung bezahlt und er hat viele Länder und Orte sehen dürfen. Er mag nur nicht, dass er auf einmal Stiefel anziehen muss. Er war nämlich vorher nur barfuss herum gelaufen. Ich mag Miguel, weil er eine Frohnatur ist. Einer, der immer lacht und mit dem man viel Spaß haben kann.
Das ändert sich nach seiner Rückkehr aus dem Jahr im Irak. Mike hat ein versteinertes Gesicht, lacht kaum noch und starrt oft in Gedanken versunken minutenlang vor sich hin. Er will nicht viel erzählen vom Krieg, will vergessen was er gesehen und erlebt hat. Mike war in der ersten Linie in einer der wenigen Einheiten, die wirklich Kampfberührung hatten. Er hatte seit 36 Std. nicht richtig geschlafen, als sie auf die Iraker trafen und die Fetzen flogen. Es war wie ein schlechter Traum, nur dass man nicht aufwacht und alles ist vorbei und friedlich. Bei einer der Schlachten sind auch 2 eigene Panzer in die Luft geflogen. Körper zerfetzt worden. Nicht von den Irakern beschossen, sondern von den eigenen Leuten. Friendly Fire nennt man das. Seine Freunde sind tot.
Die Amerikaner haben auch sogenannte Clean Up Kommandos. Die Panzer dürfen nur bis zu einer Linie vorrücken. Dann müssen sie warten. Man sieht Black Hawk Hubschrauber einfliegen und neben den zerschossenen Panzern und Stellungen der Iraki’s landen. Diese Kommandos machen sauber, packen die Leichenteile in Plastiksäcke und wischen das Blut vom Panzer, damit das ganze für die Truppen nachher wie eine Übung, wie ein Kriegsspiel aussieht und die Soldaten nicht begreifen, dass sie gerade getötet haben. Das klappt aber nicht immer reibungslos. Die Amerikaner haben eine Granate die sich in den gegnerischen Panzer bohrt und im Inneren einen Überdruck entstehen lässt. Alles, was in dem Panzer ist, wird durch das 20-30 cm große Einschlagsloch nach Draußen gezogen. Wie das dann um den gegnerischen Panzer herum aussieht, kann man sich ausmalen.
Mike beschließt zu kündigen und auszusteigen. Er muss nur noch 4 Jahre in der Army bleiben, um seinen Pensionsanspruch und eine Abfindung zu erhalten, aber er kann das nicht. Er ist von Depressionen geplagt und hat panische Angst vor einem weiteren Kriegseinsatz. Als ich ihn und seine Familie zum Flughafen fahre, sehe ich ihn für 4 Jahre das letzte mal. Dann bekomme ich eine Weihnachtskarte aus Florida und wir haben wieder Kontakt. Ich beschließe ein paar Tage zu ihm herunter zu fliegen und ihn zusammen mit meiner Freundin Nadja in Tampa zu besuchen. Will ja wissen, was aus ihm geworden ist.
Er arbeitet in einer Baufirma, ist nicht glücklich, aber sagt es ist besser als die Army und er macht ganz gut Geld. Es reicht sogar für das eigene Haus, erzählt er’s stolz als er uns vom Flughafen abholt. Die Kinder sind groß geworden. Die Älteste ist jetzt in der Pubertät und eine ganz Liebe und Ruhige. Der Sohn macht auch einen ruhigen Eindruck, nur Olivia die Kleinste (jetzt 5) ist aufgedreht. Daheim setzen wir uns hin und reden, geben uns ein gegenseitiges Update. Seine Frau erzählt von den Problemen des Sohnes in der Schule. Er tickt öfter mal aus und wird gewalttätig, hat Lernschwierigkeiten. Dabei ist er doch ein Kleiner, Schmächtiger. Ich kann gar nicht verstehen, wie er es schafft die Mitschüler grün und blau zu schlagen.
Später spielen wir mit Olivia, der Kleinsten. Sie kommt mit ihrem Tretauto. Irgendwann hat sie einen seltsamen Blick drauf. Ich spiele gerne mit Kindern, habe selbst 2 Nichten in ihrem Alter. Da kann man auch ruhig ein bisschen Triezen, denke ich. Olivia wird sauer. Sie will mich mit ihrem Tretauto überfahren. Wieder und wieder. Dabei redet sie wie der Bösewicht in einem Cartoon. Es ist ihr ernst und sie wird immer aggressiver. Meine Freundin hat sich schon ausgeschaltet, sitzt auf dem Bett und versteht die Welt nicht mehr. Ich bin hilflos, da kommt die Mutter in den Raum. Sie packt die Kleine, lächelt und nimmt sie mit ins Wohnzimmer. Dort setzt sie Olivia vor den Fernseher und lässt sie das Cartoon Programm auf Nickelodeon sehen. Olivia ist ruhiggestellt. Kommt das öfter vor?, frage ich. Ja ja, passiert schon mal das sie austickt, sagt Mike gelassen während er die Hamburger auf dem BBQ umdreht und an seinem Bier schlürft.
Später an dem Tag sitzen wir im Wohnzimmer. Olivia spielt wieder mit uns. Ich werde es also ein wenig friedlicher angehen. Olivia sagt, meine Freundin sieht aus wie Kelly von Beverly Hills. Das ist aber ein nettes Kompliment, denke ich. Doch von nun an nennt sie meine Freundin Kelly, bis zu unserer Abreise. Sie will auch nicht verstehen, dass wir nicht aus LA kommen und auf die Beverly Hills High gehen. Wenig später ist Olivia ruhig. Sie sitzt auf der Couch und starrt Nadja einfach nur an. Minutenlang. Dann fragt Nadja, was sie denn mache. Ich muss aufpassen!, sagt Olivia. Aufpassen worauf? Na, dass Dir kein Blut aus den Ohren läuft, antwortet Olivia. Wie bitte? Wir sind beide geschockt. Warum Nadja Blut aus den Ohren laufen soll weiß sie selbst nicht, aber sie hat das Gefühl, dass es jeden Moment passieren wird. Uff. Wir können es nicht mehr ertragen und beschließen am nächsten Tag (3 Tage früher) wieder abzureisen. Mike sitzt auf der Veranda vor dem Haus und schlürft sein zehntes Bier. Dafür steht er aber noch ganz gut da. Drinnen sitzt Olivia wieder auf der Couch und schaut sich den Schwarzenegger Film „Total Recall“ an. Die Mutter hat das Video eingelegt hat. Später folgt der Weiße Hai. Wenn Olivia vor der Glotze sitzt ist sie ruhig. Sonst nervt sie.
Ich bin fassungs- und sprachlos. Sitze auf der Veranda neben Mike und Schweige. Nadja ließt ein Buch und hofft, dass der Horror bald ein Ende hat. Am nächsten Tag fliegen wir zurück nach New York, können kaum glauben was wir an diesem Wochenende gesehen haben. Ich habe Mike danach nie wieder gesehen.
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