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Mike Alvarez und der 1. Irak Krieg

December 11th, 2004 by Two-Zero

Ich habe einen Freund, der kommt aus Puerto Rico, heißt Mike und ist Staff Sergeant, Panzerfahrer in der US Army. Er dient bei der 2/2 Kavallerie. Das sind die, die die Pferde gegen Panzer und Hubschrauber eingetauscht haben. Die Zweite ist eine Art Eliteeinheit mit schweren M1 Abrams Panzern und leichteren Bradly Schützenpanzern. Wir kennen uns aus Bamberg vom Skateboarden. Später gehe ich zum Bundesgrenzschutz (will Hubschrauber Pilot werden) und wir machen zufällig beide Dienst in Coburg an der innerdeutschen Grenze. Dann kommt der erste Golfkrieg und Mike wird in den Irak versetzt. Während seiner Abwesenheit kümmere ich mich um seine Familie, rede oft mit seiner Frau und spiele mit den Kindern. Er hat eine Tochter, einen Sohn und während er im Irak ist, wird sein Drittes Baby Olivia geboren. Was die Familie während seiner Abwesenheit durchgemacht hat, ist eine Story für sich alleine.

Mike kommt aus einer armen Fischer Familie. Er erzählt mir, dass es in Puerto Rico kaum Arbeits- und Aufstiegschancen gibt, er deswegen beschließt zur Army zu gehen. Er ist 1989 seit 15 Jahren dabei und hat nur noch 5 Jahre bis zur Pensionierung. Daheim ist er ein Held und seine Familie ist so Stolz auf ihn. Die Army hat seine Schulbildung bezahlt und er hat viele Länder und Orte sehen dürfen. Er mag nur nicht, dass er auf einmal Stiefel anziehen muss. Er war nämlich vorher nur barfuss herum gelaufen. Ich mag Miguel, weil er eine Frohnatur ist. Einer, der immer lacht und mit dem man viel Spaß haben kann.

Das ändert sich nach seiner Rückkehr aus dem Jahr im Irak. Mike hat ein versteinertes Gesicht, lacht kaum noch und starrt oft in Gedanken versunken minutenlang vor sich hin. Er will nicht viel erzählen vom Krieg, will vergessen was er gesehen und erlebt hat. Mike war in der ersten Linie in einer der wenigen Einheiten, die wirklich Kampfberührung hatten. Er hatte seit 36 Std. nicht richtig geschlafen, als sie auf die Iraker trafen und die Fetzen flogen. Es war wie ein schlechter Traum, nur dass man nicht aufwacht und alles ist vorbei und friedlich. Bei einer der Schlachten sind auch 2 eigene Panzer in die Luft geflogen. Körper zerfetzt worden. Nicht von den Irakern beschossen, sondern von den eigenen Leuten. Friendly Fire nennt man das. Seine Freunde sind tot.

Die Amerikaner haben auch sogenannte Clean Up Kommandos. Die Panzer dürfen nur bis zu einer Linie vorrücken. Dann müssen sie warten. Man sieht Black Hawk Hubschrauber einfliegen und neben den zerschossenen Panzern und Stellungen der Iraki’s landen. Diese Kommandos machen sauber, packen die Leichenteile in Plastiksäcke und wischen das Blut vom Panzer, damit das ganze für die Truppen nachher wie eine Übung, wie ein Kriegsspiel aussieht und die Soldaten nicht begreifen, dass sie gerade getötet haben. Das klappt aber nicht immer reibungslos. Die Amerikaner haben eine Granate die sich in den gegnerischen Panzer bohrt und im Inneren einen Überdruck entstehen lässt. Alles, was in dem Panzer ist, wird durch das 20-30 cm große Einschlagsloch nach Draußen gezogen. Wie das dann um den gegnerischen Panzer herum aussieht, kann man sich ausmalen.

Mike beschließt zu kündigen und auszusteigen. Er muss nur noch 4 Jahre in der Army bleiben, um seinen Pensionsanspruch und eine Abfindung zu erhalten, aber er kann das nicht. Er ist von Depressionen geplagt und hat panische Angst vor einem weiteren Kriegseinsatz. Als ich ihn und seine Familie zum Flughafen fahre, sehe ich ihn für 4 Jahre das letzte mal. Dann bekomme ich eine Weihnachtskarte aus Florida und wir haben wieder Kontakt. Ich beschließe ein paar Tage zu ihm herunter zu fliegen und ihn zusammen mit meiner Freundin Nadja in Tampa zu besuchen. Will ja wissen, was aus ihm geworden ist.

Er arbeitet in einer Baufirma, ist nicht glücklich, aber sagt es ist besser als die Army und er macht ganz gut Geld. Es reicht sogar für das eigene Haus, erzählt er’s stolz als er uns vom Flughafen abholt. Die Kinder sind groß geworden. Die Älteste ist jetzt in der Pubertät und eine ganz Liebe und Ruhige. Der Sohn macht auch einen ruhigen Eindruck, nur Olivia die Kleinste (jetzt 5) ist aufgedreht. Daheim setzen wir uns hin und reden, geben uns ein gegenseitiges Update. Seine Frau erzählt von den Problemen des Sohnes in der Schule. Er tickt öfter mal aus und wird gewalttätig, hat Lernschwierigkeiten. Dabei ist er doch ein Kleiner, Schmächtiger. Ich kann gar nicht verstehen, wie er es schafft die Mitschüler grün und blau zu schlagen.

Später spielen wir mit Olivia, der Kleinsten. Sie kommt mit ihrem Tretauto. Irgendwann hat sie einen seltsamen Blick drauf. Ich spiele gerne mit Kindern, habe selbst 2 Nichten in ihrem Alter. Da kann man auch ruhig ein bisschen Triezen, denke ich. Olivia wird sauer. Sie will mich mit ihrem Tretauto überfahren. Wieder und wieder. Dabei redet sie wie der Bösewicht in einem Cartoon. Es ist ihr ernst und sie wird immer aggressiver. Meine Freundin hat sich schon ausgeschaltet, sitzt auf dem Bett und versteht die Welt nicht mehr. Ich bin hilflos, da kommt die Mutter in den Raum. Sie packt die Kleine, lächelt und nimmt sie mit ins Wohnzimmer. Dort setzt sie Olivia vor den Fernseher und lässt sie das Cartoon Programm auf Nickelodeon sehen. Olivia ist ruhiggestellt. Kommt das öfter vor?, frage ich. Ja ja, passiert schon mal das sie austickt, sagt Mike gelassen während er die Hamburger auf dem BBQ umdreht und an seinem Bier schlürft.

Später an dem Tag sitzen wir im Wohnzimmer. Olivia spielt wieder mit uns. Ich werde es also ein wenig friedlicher angehen. Olivia sagt, meine Freundin sieht aus wie Kelly von Beverly Hills. Das ist aber ein nettes Kompliment, denke ich. Doch von nun an nennt sie meine Freundin Kelly, bis zu unserer Abreise. Sie will auch nicht verstehen, dass wir nicht aus LA kommen und auf die Beverly Hills High gehen. Wenig später ist Olivia ruhig. Sie sitzt auf der Couch und starrt Nadja einfach nur an. Minutenlang. Dann fragt Nadja, was sie denn mache. Ich muss aufpassen!, sagt Olivia. Aufpassen worauf? Na, dass Dir kein Blut aus den Ohren läuft, antwortet Olivia. Wie bitte? Wir sind beide geschockt. Warum Nadja Blut aus den Ohren laufen soll weiß sie selbst nicht, aber sie hat das Gefühl, dass es jeden Moment passieren wird. Uff. Wir können es nicht mehr ertragen und beschließen am nächsten Tag (3 Tage früher) wieder abzureisen. Mike sitzt auf der Veranda vor dem Haus und schlürft sein zehntes Bier. Dafür steht er aber noch ganz gut da. Drinnen sitzt Olivia wieder auf der Couch und schaut sich den Schwarzenegger Film „Total Recall“ an. Die Mutter hat das Video eingelegt hat. Später folgt der Weiße Hai. Wenn Olivia vor der Glotze sitzt ist sie ruhig. Sonst nervt sie.

Ich bin fassungs- und sprachlos. Sitze auf der Veranda neben Mike und Schweige. Nadja ließt ein Buch und hofft, dass der Horror bald ein Ende hat. Am nächsten Tag fliegen wir zurück nach New York, können kaum glauben was wir an diesem Wochenende gesehen haben. Ich habe Mike danach nie wieder gesehen.

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New York gehoert jetzt den Amerikanern

December 7th, 2004 by Two-Zero

Es war nur ein Tag nach dem 11. September, als ich aus dem Fenster unseres Büros am La Guardia Place schaue und unter mir eine Lieferwagen mit Menschenauflauf finde. Was ist da los? Was macht der da?
Der Mann im Wagen verkauft Stars and Stripes vom laufenden Band. Er hat eine Rolle hinten im Lieferwagen liegen und schneidet die Flaggen einfach nur ab. Fünfzehn Dollar das Stück ruft er und irgendwoher kommen Menschen die den Dreck auch noch kaufen. Ich öffne das Fenster und schrei Stinksauer zu ihm hinunter. Was machst Du da? Verschwinde Du übler Geschäftemacher. Er versteht mich nicht. Er sei doch ein Patriot ruft er zurück. Ein feiner Patriot, sage ich. Verdienst dich dumm und dappig an der Tragödie andere Menschen. Verschwinde nur, sonst komme ich runter. Flaggen wachsen nun mal nicht auf den Bäumen ruft er zurück, packt aber seine Sachen und beschließt woanders sein Glück zu versuchen.

Vielleicht habe ich an diesem Abend ein wenig überreagiert, aber ich habe erst am Nachmittag erfahren, dass mein Freund Atsushi wahrscheinlich im Nordtower ums Leben gekommen ist und mir danach erst mal zwei Stunden lang die Seele aus dem Leib geheult. 9/11 hatte bis dahin keinen richtigen Bezug, aber von nun an war’s persönlich.

Schon in diesen Tagen und den Wochen danach war es ganz klar. Man muss Flagge zeigen, sich zum Amerikanismus bekennen, oder man war unerwünscht. Die Amerikaner hatten mit 9/11 New York zurück gewonnen. Davor war New York eine Insel in Amerika, ein multikultureller Schmelztiegel der ganz und gar nichts mit den USA zu tun hatte und auch nichts damit zu tun haben wollte. Für mich war es die Hauptstadt der Welt. Klar, die Wall Street ist hier und auch das ein oder andere Unternehmen hat hier sein Headquater, aber sogar die Amerikaner in NYC hielten sich für etwas anders. Nach dem 11. September 2001 hat sich das geändert.

Das ist um so komischer, weil ganz Amerika über New York spottete. Es hatte doch die richtigen erwischt. Die New Yorker, mit ihrem dekadenten und brausendem Lebensstil und ihrer Arroganz. Da hat Gott dann doch noch das Sodom und Gomorrah der USA gerichtet, muss der ein oder andere streng gläubige Mid-Westener gedacht haben, als er die Türme im Fernsehen fallen sah. Nun war es in Wirklichkeit eben ganz anders. Die Terroristen wollten die Amerikaner treffen und nicht die New Yorker. Nur leider stand das World Trade Center, Zeichen der Wirtschaftsmacht (oder auch das Phallus Symbol der USA) ausgerechnet in New York.

Man muss also Flagge zeigen diese Tage oder man ist nicht willkommen. Der Katastrophe folgte die Talfahrt der Wirtschaft. Na ja, die war ja vorher schon auf dem Weg nach unten, aber danach eben rasant wie ein Fahrstuhl im World Trade Center der die Besucher wieder nach unten bringt. Ausländische Arbeitskräfte sind teuer. Klar, sind die Leute besser ausgebildet und haben eine viel bessere Arbeitsmoral und Produktivität. Sie trinken eben nicht 3 Stunden am Tag Kaffe und Quatschen mit dem Cube Nachbarn oder am Telefon. Doch die Expats sind teuer und wenn man sparen muss, dann macht’s eben auch jemand aus Ohio oder Kansas der Froh ist endlich einen Job in New York bekommen zu haben.

So ist die Stadt nun voll von Amerikanern. Wer mit offenen Augen durch die Strassen läuft kann sie nicht übersehen. In Cafes und Restaurants zum Beispiel, wo man sich am Nachbartisch über die letzten Hollywood Blockbuster unterhält, anstatt über den intellektuellen Film, der gerade im Film Forum läuft. Der Beobachter wird die „Oh my God, this is fabulous“ kreischenden Weiber in den Shops treffen und sich auf Partys über das Wochenende in den Hamptons und den nächsten Trip nach Florida unterhalten, anstatt von Rom, der Toskana oder Paris zu traeumen.

Klar gibt’s noch die Koreaner mit ihren Deli’s, die Pakistanischen Taxifahrer, die Kubaner in West New York, die Chinesen Downtown, jede Menge reicher japanischer Kids in SoHo, die Ukrainer im East Village, die Puerto Ricaner in der Lower East Side, die Griechen in Queens, die Russen in Brighton Beach, die radikalen Juden aus Israel in Williamsburg und Brooklyn Heights, die Italiener und Iren in Hell’s Kitchen und ein paar verstreute Franzosen hier und da. Es hat auch ein paar Deutsche (man sieht sich zum Empfang im Goethehaus) und jede Menge anderer Kulturen, aber im täglichen Leben gehen diese Gruppen leider immer mehr unter und auch die müssen jetzt Flagge zeigen. So fährt also der Pakistani sein Taxi unter der Stars & Stripes und der Mann aus dem Jemen hat das Ding in seinem Smoke Shop auch an der Kasse kleben, gleich neben dem Sticker mit der Aufschrift „We appreciate your business!“.

New York gehört jetzt den Amerikanern und wer glaubt „Der spinnt doch der Helmbrecht“ der soll sich mal mit meinen israelischen Freunden oder mit Francois, dem seit 20 Jahren in New York lebenden Schweizer unterhalten. Denn auch die haben’s schon gemerkt und sich bei meinem letzten Besuch fürchterlich über die blöden, langweiligen Amis beschwert. Da kann man nur hoffen, dass sich das bald wieder legt und New York wieder zu der besonderen Stadt wird, die ich kennen gelernt habe. Dem Big Apple den ich liebe. Na ja, ich lebe und liebe New York immer noch, aber wenn ich die ganzen Leute aus Long Island, den Fly Over States oder TEXAS!!!! in meiner Stadt sehe, bekomme ich das Kotzen. Da hilft als Gegenmittel nur ein Glas guten Riojas in gepflegter Atmosphäre bei meinem spanischen Freund Eduardo aus Lanzarote (Bar Olivia, Houston & Ave. B).


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Die gruene Visa Waiver Karte

December 4th, 2004 by Two-Zero

Hm, Seattle. Da fällt mir auch eine Story ein die sogar was mit New York zu tun hat. Ich war ja gerade erst in Seattle für eine Woche, meine Freundin besuchen die dort mit dem Bolshoi aufgetreten ist. Nein, meine Story hat (fast) nichts mit Starbucks, dem Paramount Theater der Space Needle oder Fremont zu tun. Leider auch nichts mit dem schönen Grand Hyatt Hotel oder dem Lenin aus Moskau, den wir einen Tag lang gesucht haben, um ein Foto von uns mit ihm zu schießen.

Meine Story spielt sich 1999 ab. Ich sitze gerade in New York und habe wieder mal ein Cash Flow Problem. Gerade habe ich einen Freelance Job in einer Werbeagentur bekommen. Der Laden gefällt mir und die Arbeit macht Spaß. Gerade laufen meine 3 Monate ab und ich muss das Land mindestens für eine Woche verlassen, doch mein Bankkonto ist leer. Das Honorar von der Agentur kommt erst Ende des Monats. Es ist Juni und die Flüge nach Deutschland sind teuer. Der Günstigste liegt bei $600.

Auf meinem Skymiles Konto sind genügend Meilen, um innerhalb der USA zu fliegen, aber für Europa reicht’s nicht. Vielleicht die Virgin Islands? Die sind ja Englisch und nicht so weit weg und da ist gerade Regenzeit. Nein, nicht genügend Meilen, Flug zu teuer und Hotel trotz Nebensaison unbezahlbar. Also vielleicht nach Mexiko oder Kanada? Mexiko ist zu gefährlich. Da checken sie an der Grenze bestimmt ganz besonders. Also Kanada. Hm, da war doch eine Freundin meines Bruders aus Seattle, die ich auf dessen Hochzeit kennen gelernt habe… Kurzer Anruf. Alles klar, dort kann ich pennen. Flug gebucht und ab die Post nach Seattle.

Maggie, die Freundin meines Bruders ist super nett und holt mich ab. Sie wohnt in Fremont mit Irene und ich werde das Gefuehl nicht los, dass die beiden 40 jährigen Frauen ein Paar sind. Whatever! Maggie ist mehr die Sportliche und Elegante. Irene, eine pummelige Hippie Frau vom Feinsten mit einer tiefen spirituellen Ader. Überhaupt ist Seattle eine sehr spirituelle Stadt. Ich weiß nicht woran das liegt, aber wo Du hingehst siehst Du Läden mit Kram aus Tibet, Büchern über Buddhismus und und und. Auch die Leute hier sind sehr frei. Du siehst wenig Leute im Anzug, eingesperrt in Ihrem Business wie in Manhattan. Jeder redet mit jedem. Nicht wie in New York, wo Du im besten Fall mal übel angeschnauzt wirst (als Bayer mag ich das ja …).

Nach einem Tag in Fremont muss ich mich auf den Weg nach Kanada machen. Ich nehme den Greyhound Bus nach Vancouver und zwei Stunden später stehen wir an der kanadischen Grenzkontrolle. Der Beamte sieht mich an, überlegt kurz und lässt mich einreisen. Doch er nimmt die grüne Visa Waiver Karte der USA nicht aus meinem Pass (was er eigentlich machen sollte). Ich frage nach und er fragt zurück: Sie kommen doch wieder in die USA, oder? Ja, antworte ich. Na ja, dann machen das die US Kollegen bei der Einreise. Ich bitte ihn nochmals die Karte herauszunehmen. Keine Chance. I’m fuckt!

Es geht eine Stunde weiter mit dem Bus nach Vancouver. Die Schönheit der vorbeiziehenden Berge und Wälder kann ich nicht so recht genießen, denn ich bin in Big Troubles. Darüber bin ich mir bewusst. In Vancouver quartiere ich mich in eine YMCA ein. Die sind immer günstig, mitten in der Stadt und meistens nicht schlecht (wie ein ganz normales Hotel mit Einzel und Doppelzimmer). Ich bleibe zwei Tage und dann will ich mit dem Zug wieder zurück nach Seattle, bekomme aber langsam Angst. Den Rest des Tages verbringe ich im Internet Cafe, um eine Lösung zu finden. Mist. Man hat das Gesetz geändert. Ausreisen nach Kanada zählen nicht mehr als Ausreisen, um einen neuen Visa Waiver zu bekommen. Die Panik in mir steigt. Am Abend treffe ich einen Freund, den ich vom Snowboarden in Alaska kenne. Wir Skateboarden die Strassen von Vancouver hinauf und runter. Skateboarden tut mir jetzt gut. Ich falle ein paar mal auf die Schauze, aber das ist egal. Einfach mal abschalten.

Am Tag drauf liege ich am Strand, mitten in der Stadt und hole mir einen üblen Sonnenbrand. In Vancouver denke ich, muss ich mit der Sonne nicht so aufpassen, aber weit gefehlt. Ich bin übelst rot am ganzen Körper. Abends treffe ich mich wieder mit meinem Freund zum Skaten und danach zum BBQ mit dessen Freunden. Wenigsten habe ich hier schon mal Kontakte, falls ich erst mal in Kanada bleiben muss. Mir gehen Gedanken durch den Kopf. Was ist mit meinem neuen Job? Was mit meinen Sachen und meiner Wohnung? Was mit meiner Freundin? Wenn ich jetzt bei der Einreise abgelehnt werde, dann kann ich eine ganze Weile nicht mehr in die USA zurück kommen. Gerade jetzt, wo das Leben endlich mal angenehm zu werden scheint und der Kampf in New York langsam erträglich wird.

Es ist Mittwoch und ich checke für den Nachmittags Zug nach Seattle ein. Mit mulmigem Gefühl im Bauch gehe ich zur Passkontrolle. Was ist das? Die Amerikaner kontrollieren hier (in Vancouver) auch gleich für die US Einreise? Darauf war ich nicht vorbereitet. Der INS Beamte ist ein großer Schwarzer. Könnte ein Basketball Spieler sein. Sein Cube (die Box in der er sitzt) scheint ohnehin zu hoch zu sein, so dass ich gerade nur über den Rand schauen kann. Oder komme ich mir im Moment nur so klein vor? Er schaut von oben auf mich herunter und sagt: Na, was haben wir denn da? Er sieht mein Touristenvisum, welches nach 10 Jahren gerade erst dieses Jahr ungültig wurde. Er sieht zahlreiche Einreise Stempel von den 2 Jahren zuvor und er sieht meine grüne Visa Waiver Karte. Im bleibt nur ein Kopfschütteln. Haben Sie ein Flugticket zurück nach Deutschland, fragt er? Klar, das habe ich vorsorglich mal mitgenommen, doch das ist (berechnend) schon mal auf Ende September ausgestellt. Genau auf den Ablauf der nächsten 90 Tage. Ich war so naiv und dumm!!! Er schüttelt wieder den Kopf und sagt: Na, da haben Sie jetzt ein Problem! Ja, dass weiß ich schon seit 3 Tagen, denke ich und fang innerlich an zu zittern. Wieder schießen mir die Gedanken durch den Kopf. Freundin, Apartment, Job…. Ruhig bleiben Chris. Ruhig bleiben!

Ich werde in einen Nebenraum gebracht. Mein Zug fährt erst in 1 ½ Std. Genug Zeit, denke ich. Der INS Beamte holt noch zwei Kanadier. Einer der beiden kanadischen Zöllner ist Indianer. Wie aus einem Wild West Film nur mit einer für ihn viel zu kleinen Uniform. Die Männer beraten, was sie denn jetzt mit mir machen. Haben sie Geld?, fragt einer. Nö, keinen Cent. Ich erzähle meine Geschichte. Meine reiche Freundin bezahlt für mich in New York und ich bin eigentlich nur zu Besuch. Aber warum soll ich arbeiten und in Deutschland sein, wenn sie mich aushält und mich bei sich haben will. Meine (damalige) Freundin kennt die Story, für den Fall das mal jemand von der INS anruft. Sie ist ohnehin Italienerin mit schlechtem Englisch und der Beamte würde bald genervt aufgeben. Der Ami sagt, dass er mich nicht reinlassen kann. Die Kanadier sagen, dass sie mich nicht haben wollen. Ich habe ein Flugticket von NYC nach München in 3 Monaten, argumentieren die Kanadier. Man verhandelt, kommt aber zu keinem Entschluss. Der INS Beamte geht aus dem Raum. Er hat nun auch ein Problem und das bin ich.

Die Kanadier durchsuchen zum Zeitvertreib mal meine Sachen. Ich muss mich sogar bis auf die Unterhosen ausziehen und der Indianer macht sich über meine Tattoos lustig. Dann kommt die Frage: „Du bist Skateboarder?“. Ich habe ja mein Board dabei. Ja, sage ich. Snowboarder auch. Die nehmen doch alle Drogen, sagt der Indianer? Kann schon sein, antworte ich. Abermals werden alle meine Sachen genauestens unter die Lupe genommen. Und Du?, fragt der andere Zöllner. Ich? Kurz überlege ich. Was soll ich sagen? Ich entschließe mich für die Wahrheit, denn vielleicht muss ich später irgendeinen Test machen und dann bin ich ohnehin dran, denn ich habe erst gestern Abend beim BBQ einen Joint mit bestem British Columbia Grass geraucht, um mich zu beruhigen. Bin Kiffer, sage ich. Nehme sonst keine Drogen. Nie! Aber habe eigentlich auch mit dem Kiffen aufgehört. Eigentlich?, fragt der Beamte mit bösem Blick. Hin und wieder rauche ich schon noch mal einen, aber ich kaufe mir selber nichts mehr. Ich bekomme eine Menge Druck von den Beiden. Wenn ich etwas dabei hätte, dann solle ich es ihnen geben. Auch Pfeifen, Papers etc. Denn, wenn der amerikanische Zoll das findet, dann gehe ich sofort in den Knast. Die wären da nicht zimperlich, sagen sie. Sie, die Kanadier, würden mir den Kram nur abnehmen und das wäre es.

Wait a minute? Hat der gerade amerikanischer Zoll gesagt? Das bedeutet Einreise!!! Ich habe Hoffnung. Man Leute, denkt Ihr ich bin blöd, antworte ich. Ich werde ganz bestimmt nach Kanada fahren, um meinen Visum Waiver zu verlängern (das war ja offensichtlich) und dann noch einen Beutel Grass mit in die USA nehmen, oder? Das leuchtet sogar dem dümmsten kanadischen Zöllner ein. Sie geben auf und verlassen ebenfalls den Raum. Ich seh auf die Uhr und langsam wird die Zeit knapp. Noch 30 Min bis zur Abfahrt meines Zuges und das ist der letzte für heute. Ich sehe mich schon in einer kanadischen Abschiebe-Zelle übernachten.

Eine Weile später geht die Tür auf und der große INS Beamte kommt wieder rein. So, Du bist also Kiffer, sagt er mit fieser Poker Miene. Uff, hätte ich bloß nichts gesagt, denke ich. Offensichtlich haben er und die Kanadier verhandelt. Ich bin nun jedoch ziemlich selbstsicher. Jetzt habe ich eh nichts mehr zu verlieren, oder? Ja, war ich früher mal, antworte ich. Habe viel gekifft, aber beschlossen damit aufzuhören. Warum?, fragt er mich. Na ja, man wird älter. Das Zeug bremst einen nur und man bekommt nichts mehr gebacken, ist meine Antwort. Plötzlich bricht ein Grinsen durch sein Poker Face. Komisch, was ist los? Es ist einen Moment lang still im Raum. Er scheint sich das Grinsen zu verkneifen. Ist er vielleicht auch ein Kiffer?

Nenn mir einen driftigen Grund, warum Du Ende September freiwillig zurück nach München gehst und ich lass Dich einreisen, sagt er. Ich wittere meine Chance und es sprudelt aus mir, wie aus einer Mineralwasserflasche, die man schüttelt und gleich danach aufmacht. Meine Mutter lebt alleine in einem großen Haus. Da gibt es jede Menge Arbeit. Die packt sie nicht alleine. Außerdem ist sie krank, die Mutter. Ich habe auch noch ein Auto. Einen ganz tollen Peugot 306 Turbo Diesel und einen Hund den ich total gerne habe. Ich bin ein schlechter Lügner, aber er scheint’s zu kaufen. OK OK, sagt er. Pack Deine Sachen und komm’ mit, der Zug wartet schon auf Dich (wir sind 5 Minuten hinter Abfahrtszeit). Wir gehen wieder vor zu seiner Box. Er macht mir einen Stempel in den Pass und wünscht mir eine gute Reise. Zurück nach Deutschland, fügt er hinzu. Das Grinsen hat er immer noch in seinem Gesicht. Ja, Danke, und Tschüss, antworte ich abwesend. Pffffff. Gerade noch mal an der Katastrophe vorbei geschrammt, denke ich und renne los zu meinem Zug. Der Schaffner steht schon an der Tür und wartet. Na, Troublemaker, begrüßt er mich lachend.

Ich falle in meinen Sitz. Der Zug bewegt sich in Richtung Süden und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich nicht in einer Zelle gelandet bin. Was war passiert? Waren es die hartnäckigen Kanadier, die mich nicht haben wollten. Schon gar nicht so kurz vor Feierabend. Oder war es die Kiffer Story? Vielleicht war der Ami selbst mal Kiffer? Order war ich dem INS Beamten einfach sympathisch? Vielleicht sind Zöllner und Grenzpolizisten doch auch nur Menschen? Draußen zieht eine einzigartige Landschaft vorbei. Ich genieße die Aussicht und denke hin und her. Man kann diese Zugfahrt nur jedem empfehlen, wenn er die richtigen Papiere hat. Berge, Fjorde und jede Menge zu sehen. Die Gedanken können sich frei entwickeln, während die Landschaft an einem vorbei fliegt.

3 Stunden später komme ich in Seattle an. Maggie holt mich ab. Dein Zug hatte Verspätung, schimpft sie. Ja ich weiß, das war wegen mir. Du glaubst ja nicht was mir passiert ist….

An diesem Abend sitzen wir in der Küche von Irene und Maggie. Es gibt frischen Alaska Lachs. Den hat Irene’s Bruder gerade erst dort oben im Norden gefangen, in eine Eisbox gepackt und mit dem Flieger zu uns geschickt. So schmeckt richtiger Lachs, denke ich und schlürfe an meinem Wein. Irene und Maggie können meine Geschichte gar nicht glauben. Ich selbst auch nicht, aber jetzt bin ich zurück in Seattle und übermorgen geht’s wieder nach New York. Zurück zu meiner Freundin, unserem Apartment, meiner Katze Pepe, meinem Job und meinen Freunden. Bis in 3 Monaten, dann muss ich wieder los und eine Lösung finden. Diesmal mit zitternden Knien. Noch heute habe ich ein klein bisschen Nervosität bei der Einreise in die USA wenn ich vor dem INS Beamten stehe.


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