Und wie wird man Moscovite?
September 14th, 2004 by
Two-Zero
Hm, Moskau. Ich bin ja erst seit 1 Jahr hier und habe noch nicht den richtigen Durchblick. Der Weg nach Moskau war einfach. Nach einem Jahr Teneriffa, musste ich mal wieder in eine Metropole. Ich kannte ein paar New Yorker, die jetzt in Moskau leben und beschloss einen davon mal zu besuchen. In Moskau habe ich eine Ballerina vom Bolshoi kennen gelernt, warum also nicht mal Moskau ausprobieren und sehen wie’s mit der Ballerina weiter geht.
Leider war auch in Russland der Einstieg nicht sehr leicht. Ich dachte, ich bin ein erfahrener New Media Mann aus NYC und komme schon irgendwo unter oder finde das ein oder andere Projekt. Nach langer Jobsuche und vielen Interviews habe ich’s aufgegeben. Russen reden viel und machen wenig. Außerdem denken die Leute sie können alles und brauchen keine Hilfe von einem Ausländer, obwohl es in den Agenturen (speziell den großen Ogilvys und Interpublics zum Teil chaotisch zugeht). Oft habe ich auch Angebote geschrieben oder stundenlange Meetings gehabt und dann haben die Leute in den Agenturen meine Infos geklaut es selber gemacht (oder versucht). Es war immer ein Gradwanderung. Wie beweise ich meine Kompetenz ohne zuviel Infos und Wissen preis zu geben.
Es blieb der Core Business meiner eigenen Firma CYGEN: Consulting und Produktion von Websites in den USA und Deutschland. Dort haben wir enge Kontakte zu Kunden und Agentur und können jetzt noch niedrigere Preise anbieten. Wir haben schon lange US Sites in Europa programmieren lassen, weil die Kosten hier niedriger waren. Jetzt machen wir eben viel in Russland, der Ukraine und Weißrussland.
Mittlerweile schlafe ich nicht mehr auf der Couch meines Freundes, sondern habe mein Apartment in Moskau, ein Auto und lebe ganz gut. Langsam komme ich auch hinter die Bürokratie der Russen, die ist nämlich noch viel schlimmer als die in Deutschland, und finde mich mit Sprache und Kultur zurecht.
Russland war nicht nur ein klimatischer Schock (von 22C in den kalten Russischen Winter), sondern auch ein Kultureller. In der russischen Flagge ist ein Adler mit zwei Köpfen. Einer schaut gen Westen, der andere in den Osten und so ist auch die Kultur des Landes. Eine Mischung aus Europa, Mittleren Osten und Asien, mit Schwerpunkt schon fast im Asiatischen.
Lange werde ich es hier wohl nicht aushalten. Der nächste Winter naht schon wieder. Der bringt erst wochenlangen Regen, dann Schnee und Temperaturen von -10 bis -25 C. Jede Menge Dreck. Nur einen Tag Sonnenschein im Monat und überhaupt geht die Sonne erst um 9 Uhr auf und um 15 Uhr dämmert’s schon wieder. Das hält der stärkste Mensch nicht aus und man bekommt leicht Depressionen. Der Begriff war mir in der Vergangenheit fremd, gehört aber auch stark zur Russischen Kultur.
Trotz der Teils katastrophalen Verhältnisse hier habe ich Hoffnung. Doch der Prozess der Wandlung wird ein paar Generationen dauern. In Russland noch länger als anderswo, denn die Leute sind immer noch gelähmt vom Kommunismus und die Kultur war noch nie eine Kämpferische, Aufständische.
Ich habe hier auch sehr viele nette Menschen kennen gelernt. Generell sind die Menschen sehr offen und hilfsbereit. Die Familie meiner Freundin hat mich so lieb aufgenommen und sie kümmern sich um mich. So werde ich oft zum Dinner eingeladen, auch wenn meine Freundin auf Tournee ist und muss mit dem Vater und dem Stiefvater (Mutter ist geschieden und wieder verheiratet) meiner Freundin literweise Vodka trinken, bis die beiden Mütter mich vor dem Zusammenbruch retten wollen (meist würde ich schon noch mehr vertragen, bin aber ganz froh gerettet und entlassen zu werden).
So ist Russland eben ein Land der Widersprüche. Das war es wohl schon immer und auch hier habe ich eine Hass-Liebe entwickelt. Allerdings freue ich mich nicht, wenn ich wieder im Flieger nach Moskau sitze und wäre eigentlich lieber woanders. Mal sehen wo’s als nächstes hingeht.
Posted in General, Moscow, New York City |
2 Comments »
